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Konzentrationslager Hersbruck e.V.

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Gedenken an Hersbrucker Sinti-Familien - (08.03.2018)

Am 8. März 1943 wurden Hersbrucker Sinti-Familien verschleppt

Verband der Sinti und Roma sowie der KZ Dokuverein prangern fehlendes Mahnmal an

Wir müssen aufpassen und wachsam sein“ – Mit diesen Worten hat Klaus Wiedemann, 2. Vorsitzender des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck, am gestrigen Freitag die Gedenkfeier anlässlich der Deportation von Sinti Familien aus Hersbruck am 8. März 1943 eröffnet. Die Mahnung kommt nicht von ungefähr, marschierten doch erst im Februar am ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg 18 Neonazis auf.

Weil in Hersbruck noch immer ein Gedenkstein fehlt, gedachten die Menschen zwischen Bürgerbüro und Rathaus der Verschleppung Hersbrucker Sinti-Familien am 8. März 1943. Foto: K. Bub

Foto oben: Weil in Hersbruck noch immer ein Gedenkstein fehlt, gedachten die Menschen zwischen Bürgerbüro und Rathaus der Verschleppung Hersbrucker Sinti-Familien am 8. März 1943. Foto: K. Bub

Am Alten Friedhof zeigte Rudolf Höllenreiner (Mitte), ein Angehöriger der früheren Hersbrucker Sinti-Familie Höllenreiner, Landrat Armin Kroder Bilder seiner Vorfahren, die 1943 von den Nazis ins KZ verschleppt wurden. Die Fotos sind im Buch „Wir haben die Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass sich solche Geschehnisse wie in der Nazi-Zeit nicht wiederholen“, betonte Landrat Armin Kroder in seiner Rede, der an diesem Tag auch für Bürgermeister Robert Ilg und dessen Stellvertreter Peter Uschalt sprach. In aller Deutlichkeit verwies er auf Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. „Was für ein gewaltiger und großer Satz“, sagte er.

Wie es aber um Menschenwürde im Dritten Reich bestellt war, zeigte Erich Schneeberger, Geschäftsführer des Bayerischen Landesverbandes der Sinti und Roma. „Nach heutigem Forschungsstand wurden 16 Hersbrucker Sinti – Männer, Frauen und Kinder – der Familien Lehmann, Höllenreiner, Strauß und Schmitt im März 1943 aus dieser Stadt deportiert. Neun von ihnen wurden später in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet“, sagte er.

Foto Dreiergruppe: Am Alten Friedhof zeigte Rudolf Höllenreiner (Mitte), ein Angehöriger der früheren Hersbrucker Sinti-Familie Höllenreiner, Landrat Armin Kroder Bilder seiner Vorfahren, die 1943 von den Nazis ins KZ verschleppt wurden. Die Fotos sind im Buch "Verfolgt, deportiert, ermordet" von Paul Kornmayer (links) zu sehen. Foto: K. Bub

Erich Schneeberger sprach für den Bayerischen Landesverband der Sinti und Roma.Klare Worte fand Schneeberger auch zu den Diskussionen um ein angedachtes Mahnmal in Hersbruck, das auf eben diese Deportation der Sinti und Roma hinweisen soll. Im Hersbrucker Stadtrat, so erzählte er, sei dabei die Frage aufgekommen, ob – wenn hier ein eigenständiges Erinnerungszeichen für Sinti und Roma errichtet würde – sich nicht später auch andere Opfergruppen melden und ihrerseits ein Mahnmal fordern würden. So sei die Idee nach einem gemeinsamen Mahnmal für alle Opfergruppen entstanden. „Diesen Gedanken weise ich zurück“, sagte Schneeberger entschieden.

„Außer Juden und Sinti und Roma gab es keine weiteren Opfergruppen, die familienweise aus ihren Häusern geholt, in die Konzentrationslager deportiert und dort systematisch zu Tode gequält wurden“, erklärte er seinen Standpunkt. Und weiter: „Ein solches Mahnmal gehört ins Zentrum jener Stadt, in der diese Menschen einst gelebt und gearbeitet haben.“

Foto rechts: Erich Schneeberger sprach für den Bayerischen Landesverband der Sinti und Roma. Foto: K. Bub

Kinder starben

Weil es besagten Gedenkstein für die deportierten Sinti und Roma in Hersbruck derzeit noch nicht gibt, brachte eine kleine Abordnung die Kränze zum Alten Friedhof. Dort liegt unter anderem Rosa Lehmann, geborene Höllenreiner, begraben. Sie wurde am 8. März 1943 aus ihrer Wohnung geholt und ins KZ gebracht. Rosa Lehmann überlebte Auschwitz, ihre beiden kleinen Kinder nicht. Sie starben im Alter von drei und sieben Jahren.

Fotos und Text: K. Bub HERSBRUCKER ZEITUNG


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Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus - (19.01.2019)

27. Januar 2019 - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Plakat für die Gedenkfeier 2019

Gedenkfeier am Sonntag, 27. Januar 2019

Der Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck, alle Hersbrucker Kirchen und die Stadt Hersbruck laden Bürgerinnen und Bürger aus Hersbruck und Umgebung herzlich ein.

um 17:00 Uhr findet der Ökumenischer Gottesdienst in der Spitalkirche Hersbruck statt

Thema "Juden im KZ Hersbruck"

Anschließend Schweigeweg mit Lichtern und Abschluss mit Texten von Bernard Teitelbaum an der Bocchetta-Skulptur im Rosengarten.

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Boccetta Ausstellung im Kunstmuseum - (15.11.2018)

Ausstellungseröffnung im Kunstmuseum zum 100. Geburtstag Vittore Bocchettas

Bocchettas Appell: Wir brauchen einander - Im Kunstmuseum feiert eine Ausstellung den 100. Geburtstag des Künstlers und früheren KZ-Häftlings – „Basta Finito!“ – Die Videobotschaft von Vittore Bocchetta, die aus Anlass seiner Ausstellung zum 100. Geburtstag im Kunstmuseum gezeigt wurde, dauerte nur 45 Sekunden und wurde vom greisen Jubilar mit obigen Worten energisch beendet. Doch die kurze Ansprache hatte es in sich und wurde von der „Geburtstagsgesellschaft“ mit warmen Worten erwidert.

Foto: Vittore Bocchetta während der Live Video Übertragung„Eine Geburtstagsfeier nur um des Geburtstages willen? Das würde für mich keinen Sinn machen!“ – Vittore Bocchetta, der am 15. November in Verona seinen 100. Geburtstag feiern durfte, fand deutliche Worte für ein geplantes Fest zu seinen Ehren. Der Hundertjährige, der zu Zeiten des Nationalsozialismus im KZ Hersbruck inhaftiert gewesen war, überlebt hatte und die Schrecken dieser Zeit in seiner Kunst verarbeitete, hat vielmehr eine Botschaft und die tat er kund.

Philosophen als Lichtblick

In seiner kurzen Ansprache konnten die Gratulanten im vollgepackten Kunstmuseum hören, was Bocchetta den Hersbruckern und auch den Deutschen zu sagen hat. Freund und Mitarbeiter Sergio Mastrosimone aus Verona war persönlich vor Ort, um zu übersetzen und zu erklären: wie Bocchetta bereits in jungen Jahren die großen Vordenker, die deutschsprachigen Philosophen wie etwa Kant, Schopenhauer und Hegel als „Streichhölzer in der Dunkelheit“ empfand, die ihn auch in seinen schwersten Zeiten über Wasser hielten, damals, als die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten dieses Licht ausgepustet zu haben schien.

Foto (us): Vittore Bocchetta während der Live Video Übertragung

„Jetzt“, so Bocchetta, „gibt es hier eine solide Demokratie. Doch was, wenn Europa nun zerbrechen würde?“ Ein weltoffenes Europa sei unabdingbar, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Die Verbundenheit in der Vergangenheit müsse auch in die Zukunft wirken, lobte Bocchetta die unermüdliche Erinnerungsarbeit des Vereins Dokumentationsstätte Hersbruck. „Italien braucht Deutschland und Deutschland braucht Italien, oder Verona braucht Hersbruck und Hersbruck braucht Verona“, ergänzte Sergio Mastrosimone.

Schon im Vorfeld hatte Landrat und Bezirkstagspräsident Armin Kroder für ähnliche Werte plädiert, als er seine guten Wünsche für den Jubilar in die laufende Handykamera sprach: „Die Menschen in diesem Raum trifft vielleicht keine Schuld für die Verbrechen der Vergangenheit, sie stehen aber sehr wohl in der Verantwortung, so etwas nicht wieder geschehen zu lassen und Extremismus und Rassismus scharf abzulehnen.“ Kroder sprach dem Verein Dokumentationsstätte Hersbruck und seinem Vorsitzenden Thomas Wrensch seinen allerhöchsten Respekt aus: zunächst gegen Widerstände hätten sie die Erinnerungskultur in Hersbruck zu einer festen Größe gemacht.

Wrensch selbst fand warme und persönliche Worte für „Caro Vittore“, den „lieben Vittore“. Er sei stolz darauf, Bocchetta kennen zu dürfen, auch als Vorbild für kommende Herausforderungen, von denen noch niemand wisse, wie sie aussehen werden.

„Ohne Namen sind Sie einst nach Hersbruck gekommen, nun haben Sie einen Namen bei uns“, würdigte er Bocchetta und forderte als Aufgabe der Gegenwart einen „aufrechten Gang, anzuerkennen, dass jedes menschliche Wesen unermesslichen Wert habe und alle Menschen der Freude teilhaftig werden können, die das Leben eben auch beinhalte“. Für diese Aufgabenstellungen sei jemand wie Bocchetta so wichtig, der „uns warnt und uns wach hält für den Lebensauftrag: Werde Mensch!“

Werke in Hersbruck

Von der herzlichen Beziehung der so zahlreich erschienenen Gäste mit „ihrem Vittore Bocchetta“ zeigten sich auch Annabelle Lienhart, Historikerin und Mitarbeiterin in der Historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Volontärin Katharina Winter beeindruckt. Sie hatten es möglich gemacht, dass zahlreiche Arbeiten Bocchettas nun für einige Zeit in Hersbruck zu sehen sein werden. „Es ist auch einfach schön, dass sie mal wieder von vielen Betrachtern gesehen werden“, so Lienhart. Vittore Bocchetta als den Künstler zu sehen und zu ehren, der er eben auch war und ist, war das Anliegen von Museumsleiter Uli Olpp. Die Ausstellung mit hochkarätigen Arbeiten, die bis in die Gegenwart reichen, sei lohnend und wichtig. Er begrüßte neben Kroder auch Iris Plattmeier, ihren Vater, verschiedene Stadträte und viele Engagierte sowie Barbara Raub, die am Paul-Pfinzing-Gymnasium „gegen das Vergessen“ arbeitet. Ein Abend voller notwendigem Pathos und ohne einen falschen Ton.

...

(us) HERSBRUCKER ZEITUNG

Termine der Ausstellung über Bocchetta bis 27. Januar 2019

Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag von 15 bis 18 Uhr
Sonntag von 14 bis 18 Uhr
27. Januar 2019, 16:00 Uhr, Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, Finissage mit musikalischer Begleitung
Das Kunstmuseum ist vom 24. Dezember bis 8. Januar geschlossen. 

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Doggerstollen Happurg - (15.05.2018)

- Eine Bestandsaufnahme 1944-2018

Die Dokumentationsstätte KZ Hersbruck hat die Erlaubnis erhalten, die wissenschaftliche Bestandsaufnahme der Doggerstollen von Dipl.-Ing. Ulrich Lang, seit dreieinhalb Jahren intensiv mit der Stollenanlage beschäftigt, der Öffentlichkeit vorzustellen.

Foto Quelle: Ulrich Lang - Doggerstollen Happurg Seite 1"Ab Mai 1944 wurde der Doggerstollen auf Veranlassung des NS-Regimes als unterirdische Produktionsstollenanlage vorgetrieben. Die Hauptanlage ist schachbrettartig angeordnet. Die fertiggestellte Gesamtlänge beträgt ca. 3,9 km. Die Stollen A bis C befinden sich in einem Zustand des fortschreitenden Verfalls und stellen eine Gefährdung für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar, da die Tagbruchgefahr latent ist. Die Stollen A bis C werden deshalb in Kürze dauerhaft gesichert." (Lang U., Zusammenfassung)

Die Arbeit fasst die historische Grundlage der Doggerstollen zusammen und beschreibt mit aktuellen Bildern versehen den Zustand der einzelnen Stollen. Text und Bilder sind besonders interessant für alle, denen aufgrund des fortschreitenden Verfalls seit Jahren kein Zugang zu den Innenbereichen der Stollen mehr gewährt wurde. (15.05.2018 Wr.) Doggerwerk Bestandsaufnahme

Außerdem ist ein 5-minütiger Infofilm des Staatlichen Bauamts Nürnberg auf Youtube zu sehen.
Youtube "Doggerstollen Baumaßnahme 2018"

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Hersbrucks Gedächtnisstütze (Zitat Hersbrucker Zeitung) - (29.04.2018)

Jahreshauptversammlung 2018

Am 19. März 2018 fand wieder eine Jahreshauptversammlung statt.

Ist der "Dokuverein" nun überflüssig, da es eine Gedenkstätte für das KZ Hersbruck gibt? Das verneinten sowohl Bürgermeister Robert Ilg in der Jahreshauptversammlung des rührigen Vereins als auch die Mitglieder selbst. Die Erinnerung wachhalten, um der Zukunft willen, das schälte sich im Verlauf des Abends als Hauptanliegen heraus und einige Projekte sollen noch verwirklicht werden.

Das Thema, das den Vereinsmitgliedern derzeit am meisten unter den Nägeln brennt, ist das Gedenkzeichen für die aus Hersbruck deportierten Sinti. Nach einem holprigen Anfang mit Missverständnissen und geteilten Meinungen zwischen Stadtverwaltung, Nachfahren der Sinti und dem Doku-Verein (.) bewegen sich alle wieder aufeinander zu - und in eine gemeinsame Richtung, wie Vereinsvorsitzender Thomas Wrensch und Bürgermeister Robert Ilg hoffen.

Das Ziel dieser Richtung könnte ein "Ort der Menschenrechte" in Hersbruck sein. Dort soll das Gedenkzeichen für die Sinti und Roma, für das bereits eine zweckgebundene Spende der Bruno-Schnell-Stiftung existiert, einen Platz bekommen. Gleichzeitig soll ein Ort der Besinnung geschaffen werden, wo aller Menschen gedacht werden kann, die in Zeiten des Nationalsozialismus unter dem Regime leiden mussten. Ein Ort, an dem man sich in Zeiten aktueller politischer Not versammeln könnte, um über Werte und Ziele gemeinsam nachzudenken. Diesen Bezug zu Gegenwart und diese Bedeutung für die Zukunft hielten einzelne Stimmen ebenso wie Bürgermeister und Vorstand für zentral.

Der Entwurf von Bildhauer Uli Olpp für das Gedenkzeichen ist im Verlauf der Diskussion unter die Räder gekommen. Wrensch bedauert dies sehr, denn die Platte mit den ausgesparten menschlichen Silhouetten ist für ihn immer noch das stärkste Bild für die Lücke, die die aus Hersbruck verschleppten Sinti in der Stadtgemeinschaft hinterlassen haben - eine Lücke, die bis heute nicht geschlossen ist.

Dieser Entwurf soll überarbeitet werden, es wird laut über die Beziehung von Schülern nachgedacht, die gemeinsam mit Uli Olpp Gestaltungsmöglichkeiten erarbeiten sollen. Das Zusammenwirken mit jungen Menschen könnte Fördergelder freisetzen. Zwar wollte sich keiner der Verantwortlichen auf eine Zeitachse festlegen lassen, ein Ortstermin mit Vereinsmitgliedern, Vertretern der Schulen und Rathausvertretern könnte aber schon nach den Osterferien stattfinden.

Der Verein stand den Plänen zur "Erweiterung", oder wie Thomas Wrensch es sich als Formulierung wünscht: "Vergegenwärtigung", weitgehend offen gegenüber. Finanzielle Bedenken konnten durch staatliche Fördermittel beschwichtigt werden. Als möglicher Platz tauchte immer wieder der Rosengarten auf, auch wenn viele Stimmen sich einen zentraleren Standort gewünscht hätten. So auch Erich Schneeberger, der Geschäftsführer vom Verband der Sinti und Roma (.).

Ein weiteres Projekt, das sich noch in der Schwebe befindet, ist das "Häftlingsbuch". Peter und Ingrid Schön arbeiten seit 13 Jahren an Biografien von Gefangenen des Hersbrucker KZ. Das Kapitel Vittore Bocchetta wurde bereits als Auszug veröffentlicht. Vereinsmitglieder drängten auf eine Fertigstellung bis Ende Juli, um vor der Veröffentlichung notwendige Arbeiten erledigen zu können.

Fertig gestellt und gut angenommen worden ist Paul Kornmayers Büchlein über die Hersbrucker Sinti-Familien. Er erhielt Lob und Applaus für seine akribische Recherchearbeit (.).

Die mannigfaltigen Aktivitäten des Vereins ließ Thomas Wrensch noch Revue passieren, neu war die Mitwirkung Wrenschs und Kornmayers an dem Workshop "Forced Labour Serbia, Germany" (Zwangsarbeit in Serbien und Deutschland) im Doku-Zentrum auf dem Reichparteitagsgelände in Nürnberg erst vor wenigen Tagen. In englischer Sprache stellten sie für das internationale Publikum ihren Verein und die Arbeit mit Lubisa Ljetic vor.

Die Agenda 2018 ist gut gefüllt mit der geplanten Veröffentlichung des Häftlingsbuches, dem Vorantreiben des Gedenkzeichens und der Feier des 100. Geburtstages von Vittore Bocchetta am 15.11.2018 mit einer begleitenden Ausstellung im Kunstmuseum Hersbruck. Aber auch die eher "alltäglichen" Aufgaben wollen erledigt sein: Gedenkveranstaltungen, ein waches Auge auf die KZ-Gedenkstätte haben, wo auch mal verschlossene Türen oder "eingefrorene" Bilder die Besucher empfangen, und die Arbeit an der Homepage wollen neben den Großprojekten gestemmt werden.

Der Verein fühlt sich als mitnichten überflüssig, sondern würde sich im Gegenteil über finanzielle und tatkräftige Unterstützung freuen.

Text: UTE SCHARRER
Hersbrucker Zeitung, 29./30. März 2018

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"Mensch werden" - Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018 - (03.02.2018)

Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus in der Spitalkirche Hersbruck mit Schweigemarsch zum Rosengarten

"Mensch werden" - das Thema der diesjährigen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus hat sein Echo in allen Beiträgen gefunden, die von einem vielköpfigen Team verschiedener Denominationen und Berufsgruppen vorbereitet worden waren, und bildete den roten Faden in einer außerordentlich ansprechend gestalteten Gedenkfeier, die auch den Bezug zum Hier und Jetzt nicht vermissen ließ.

Die fehlende Nase der Heiligen Elisabeth in der Nische über dem Eingang zur Spitalkirche möchten in Hersbruck lebende Flüchtlinge reparieren lassen (wir berichteten), um ihr wieder ein heiles und unversehrtes Gesicht zu geben. Diese Geschichte bildete einen kleinen Teil von Pfarrer Thomas Lichtenebers Predigt in der gut besetzten Spitalkirche und steht laut Lichteneber doch beispielhaft für die Sehnsucht allerMenschen, sich im Antlitz eines Gegenübers zu spiegeln und dadurch Mensch zu werden.

Keine Geschichtsstunde

Auch Gott suche immer wieder die Beziehung zum Menschen, indem er ihn bei seinem eigenen Namenriefe, wie es im Predigttext bei Jesaja hieß. Das Opfergedenken sei keine Geschichtsstunde, sondern ein Einüben in Achtsamkeit - auch im Wahrnehmen des Mitmenschen.

Im Gottesdienst zeigte Thomas Wrensch vom Dokuverein eine Lithographie des Künstlers Georg Hans Trapp, der auch im KZ Hersbruck inhaftiert war.

Im Gottesdienst zeigte Thomas Wrensch vom Dokuverein eine Lithographie des Künstlers Georg Hans Trapp, der auch im KZ Hersbruck inhaftiert war.

Namen spielten in der berührenden Gedenkfeier immer wieder eine Rolle. Wie Initiator Thomas Wrensch vom Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck betonte, ist ein Name oft das einzige, kleine Teilchen eines Menschen, das von den in Hersbruck gepeinigten und verstorbenen Opfern des Nationalsozialismus geblieben sei - Menschen "wie du und ich".

Bedrückende Aufzählung

Beispielhaft trugen Jochen Tetzlaff und zwei junge Frauen der evangelischen Jugend beim Einzug in die Kirche einzelne Namen und ihre Nationalitäten vor, eine schlichte, bedrückende und eindringliche Aufzählung. Um diesen Namen etwas mehr "Gesicht" zu geben, erinnerten Wrensch und Luise Treuheit an die Lebensläufe von Georg Hans Trapp und Jura Soyfer. Trapp überlebte die Zeit im KZ und verarbeitete die knochenbrecherische Arbeit im Steinbruch und andere traumatische Ereignisse in Kunstwerken - eine Lithografie hatte Wrensch in die Kirche mitgebracht.

Der Österreicher Jura Soyfer, politischer Kabarettist, starb mit 26 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus. Seine zum Teil im Konzentrationslager entstandenen Werke überlebten und der Vortrag des "Dachau-Liedes" durch den jungen Tenor Maximilian Vogt beschwor das unbarmherzige Dasein im KZ herauf. Soyfers "Lieddeseinfachen Menschen" trug Vogt anschließend als Gedicht vor: ". wir sind das schlecht entworf´ne Skizzenbild des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt...". Die Zeilen zeigen Soyfers Zweifel an der Menschlichkeit unter dem NS-Regime schlechthin auf.

Ruhige Vivaldi-Sonaten mit Ruth Barkowski an der Orgel und Anne Barkowski am Cello schufen Pausen zum Nachdenken in einem intensiven Programm. Zu den Fürbitten traten Landrat Armin Kroder, Bürgermeister Robert Ilg, Polizeichef Johann Meixner und Marianne Ermann ans Mikrofon. Sie schlugen den Bogen zu den Anliegen und Nöten der Jetztzeit. Zuvor hatte Wrensch Zweifel an der Abschiebung eines jungen Mannes geäußert, der hier im Landkreis seine kranken Eltern pflegt (wir berichteten) und lautstarke Zustimmung aus dem Kirchenschiff bekommen.

An der Skulptur von Vittore Bocchetta im Rosengarten, die an seine Zeit im KZ Hersbruck erinnert, endete die Feier zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

An der Skulptur von Vittore Bocchetta im Rosengarten, die an seine Zeit im KZ Hersbruck erinnert, endete die Feier zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Glocken läuteten

Im Anschluss an die kirchliche Gedenkstunde pilgerten zum Läuten der Glocken rund 80 Menschen schweigend und mit Kerzen in den Händen von der Spitalkirchen zur Skulptur von Vittore Bocchetta im Rosengarten.Polizeibeamte sperrten den Kreisverkehr und die Amberger Straße ab und erläuterten geduldig Passanten und Autofahrern den Anlass der Prozession. Zum Abschluss des Schweigemarsches begrüßte Thomas Wrensch im Rosengarten noch einen Ehrengast: Apostopolos Malamoussis, griechisch- orthodoxer Erzpriester aus München, war extra angereist, um die Initiative von evangelischen, katholischen und methodistischen Christen, freikirchlicher Gemeinde und Neuapostolischer Kirche noch um eine Facette zu bereichern.

Text und Fotos: us von der "Hersbrucker Zeitung"

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